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Risiko Jod: Die unterschätzte Gefahr

Ute Aurin: Die Gefährlichkeit der Kernkraft "rechtfertigt" und ermöglicht jetzt die Durchführung weiterer risikoreicher Maßnahmen.

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Die Idee, die Bevölkerung durch Medikamentengabe über die Nahrung zu therapieren, ist nicht neu. Auch das Konzept der Jodierung ist nicht neu. So äußerte die Naturforschende Gesellschaft in Genf schon Anfang des 19. Jahrhunderts den Wunsch, die Menschheit mittels Massenjodierung vom Kropf zu befreien. In verschiedenen Ländern gab es immer wieder Jodierungsversuche, die meistens jedoch wegen der Nebenwirkungen wieder abgebrochen wurden.

Erst der Kernkraftunfall von Tschernobyl verhalf dem Konzept der Nahrungsjodierung zu breiter Akzeptanz. Bis dahin hatte die deutsche Bundesregierung eine Lebensmitteljodierung aus Verantwortungsbewußtsein gegenüber den Risikogruppen verboten. Aus den bisherigen Jodprogrammen war bekannt, dass ein Teil der Bevölkerung mit Gesundheitsschäden rechnen mußte, sobald eine Jodgabe über Lebensmittel stattfand. Noch 1984 hatte die Regierung dem Nutzen von Jodgaben skeptisch gegenübergestanden. Nach dem Reaktorunfall konnte der AKJ Gesetzesänderungen durchsetzen, welch die Jodierung von Viehfutter, Salz und Milch ermöglichen- meist ohne Kennzeichnungspflicht. Mehrere Petitionen der Bürger für eine Kennzeichnung wurden abgelehnt.

Die Gefährlichkeit der Kernkraft rechtfertigt und ermöglicht jetzt die Durchführung weiterer risikoreicher Maßnahmen.

In Deutschland leiden 8 Mio Menschen unter Jodierung

In der ARD Sendung Brisant am 25.1.2005 schätze der Experte Endokrinologe Prof. Hotze die Zahl der Bürger, die unter der Jodierung leiden, in Deutschland auf mindestens 8 Mio Menschen. Ein Anstieg von autoimmunen Schilddrüsenerkrankungen wird inzwischen eingeräumt.

Während in der Öffentlichkeit jeder Zusammenhang zwischen Kernkraft und Jodierung vermieden und bestritten wird, finden sich in den Veröffentlichungen des ICCIDD sehr wohl Diskussionen über die positive Wirkung der Nahrungsjodierung im Falle eines Reaktorunfalls. Man erhofft sich, Kernkraft durch jahrzehntelange Jodgabe für die Bevölkerung sicherer zu machen. Das hohe Jodangebot soll vermeiden, dass die Schilddrüse im Kathastrophenfall radioaktives Jod aus der Luft aufnimmt.

Tschernobyl nicht mehr Schuld an der hohen Zahl der Schilddrüsenerkrankungen?

In einem Gespräch mit Herrn Prof. Gregory Gerasimov, dem Regional Coordinator for Eastern Europe, erfuhr ich, dass der ICCIDD inzwischen sogar noch weiter geht. Dort führt man die weite Verbreitung von Schilddrüsenerkrankungen in der Region nicht mehr auf die Katastrophe von Tschernobyl zurück, sondern auf den angeblichen Jodmangel. Allein Schilddrüsenkrebs bei Kindern wird als Folge des Reaktorunfalls anerkannt, alle anderen Schilddrüsenerkrankungen nicht mehr!

* (‘The only thyroid disorder that has proved link to Chernobyl accident is thyroid cancer in children. Thyroid disorders are quite prevalent in Russia but mostly due to iodine deficiency and NOT as consequence of Chernobyl.”)

Diese neue Deutungsweise widerspricht den bisherigen Einschätzungen. Im Gesundheitsreport Greenpeace´ werden sämtliche Störungen der Schilddrüse auf Tschernobyl bezogen!

Als fatal für Schilddrüsenpatienten und praktisch für die Industrie hat sich der Umstand erwiesen, dass Jodmangel und Jodschäden meist dieselben Symptome entwickeln. So reagiert die Schilddrüse mit einer Reihe von Erkrankungen, die sowohl bei Jodmangel als auch bei Überjodierung oder auch ganz anderen Auslösern, z. B. Strahlung, auftreten. Da eine genaue Untersuchung der Auslöser für eine Schilddrüsenerkrankung sehr schwierig ist, können es Patienten inzwischen fast unmöglich beweisen, dass sie nicht jodmangelkrank sind.

So argumentierte das deutsche Bundesministerium sogar, nicht zu jodieren sei verantwortungslos, da dies zu Unfruchtbarkeit bei Frauen, Tot- und Fehlgeburten führe. Es ist wahr, dass Schilddrüsenerkrankungen zu Unfruchtbarkeit und Fehlgeburten führen können. Jedoch sind nicht alle Schilddrüsenerkrankungen jodmangelbedingt oder können durch Jodierung beseitigt werden. Manche Erkrankungen werden sogar durch Jodgabe ausgelöst.

Merkmal der aggressiven Jodierungspolitik ist es, pauschal Schilddrüsenerkrankungen in der Bevölkerung mit Jodmangel gleichzusetzen. So mußte das Bundesministerium auf Nachfrage einräumen: ‘Für Deutschland gibt es keine repräsentativen Studien, die durch Jodmangel ausgelöste Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten oder Behinderungen belegen.’ In der Tat werden sogar die durch die Jodierung geschädigten Patienten von der Industrie als Argument für eine notwendige Jodierung angeführt.

Dass der ICCIDD nun auch die Opfer Tschernobyls für seine Interessen ausnutzt, macht Patientengruppen sprachlos. Die Atomindustrie dürfte erfreut sein, denn mit dieser neuen Interpretation der hohen Erkrankungszahlen, wird die Reaktorkatastrophe noch weiter verniedlicht, schwere Folgen bestritten. Die Sichtweise, atomare Energie sei sicherer, wenn man die Bevölkerung jahrzehntelang jodiert, beginnt sich zu etablieren.

Schilddrüsenpatienten haben durch die enge Verwebung von Industrie, Medizinern und Hilfsorganisationen bzw. Regierungen kaum eine Chance, sich aus dem Würgegriff der Jodlobby zu befreien. Als Herr Gerasimov das Vorgehen der Industrie als ‘SEHR aggressiv’ bezeichnet, frage ich nach, ob er sich ein anderes Verhalten wünsche.

* ‘They are commercial companies and they are doing their business. I have regular contacts with representatives of these companies in Russia and I am grateful for their support for some of our projects, especially for education of medical professionals on thyroid disorders.”

Dankbarkeit scheinen alle der Industrie gegenüber zu empfinden, die so uneigennützig sponsort. Weder AKJ, ICCIDD, UNICEF, WHO oder Politiker wollen Auskünfte darüber erteilen, wie sie ihre Unabhängigkeit gegenüber einer Jodlobby bewahren, die Studien finanziell unterstützt, Mediziner schult und Regierungen berät.

Weniger dankbar zeigt man sich gegenüber den wenigen Patientengruppierungen, die darauf drängen, am Dialog teilnehmen zu dürfen. Man redet gern über Schilddrüsenkranke aber nicht mit ihnen!

Ute Aurin

Mehr dazu im Buch:
‘Risiko Jod’
Waldthausen Verlag
ISBN 3-89881-055-0
408 Seiten Hardcover


Artikel Online geschalten von: / litschauer /